Wusstest du, dass die Entwicklung des Essverhaltens bereits im Mutterleib beginnt?
Viele Eltern denken beim Thema Essverhalten zunächst an den ersten Brei, den Beikoststart oder die Frage, ob ihr Baby lieber Brei oder Fingerfood isst. Doch tatsächlich beginnt die Entwicklung viel früher.
Schon während der Schwangerschaft sammelt ein Kind erste Erfahrungen. Und auch nach der Geburt wirken ganz unterschiedliche Faktoren darauf ein, welche Lebensmittel, Geschmäcker und Essgewohnheiten ein Kind später bevorzugt.
Die Entwicklung des Essverhaltens ist deshalb ein langfristiger Prozess, der durch biologische Voraussetzungen, Erfahrungen und die Lebensumgebung geprägt wird.
Pränatale Prägung: Essverhalten beginnt schon im Mutterleib
Bereits während der Schwangerschaft können Kinder unterschiedliche Geschmackseindrücke kennenlernen.
Bestimmte Aromastoffe aus der Ernährung der Mutter können über das Fruchtwasser wahrgenommen werden. Dadurch kommt ein ungeborenes Kind bereits mit verschiedenen Geschmacksrichtungen in Kontakt.
Diese frühen Erfahrungen werden als pränatale Prägung bezeichnet.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft darüber entscheidet, was ein Kind später gerne essen wird. Vielmehr ist sie ein Baustein in einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren.
Genetische Präferenzen beeinflussen den Geschmack
Auch unsere Gene spielen bei der Entwicklung von Geschmacksvorlieben eine Rolle.
Eine gewisse Vorliebe für den süßen Geschmack ist beispielsweise bereits von Geburt an vorhanden. Bittere Geschmäcker werden dagegen von vielen Kindern zunächst eher abgelehnt.
Das hat auch einen evolutionären Hintergrund: Süße Geschmäcker können auf energiereiche Lebensmittel hinweisen, während Bitterkeit unter anderem mit potenziell schädlichen Stoffen verbunden sein kann.
Aber auch hier gilt:
Gene sind keine Gebrauchsanweisung.
Sie können bestimmte Vorlieben und Abneigungen beeinflussen, bestimmen aber nicht allein, was ein Kind später gerne oder ungern isst.
Nach der Geburt geht die Geschmacksentwicklung weiter
Mit der Geburt endet die Geschmacksprägung nicht – ganz im Gegenteil.
Beim Stillen können über die Muttermilch unterschiedliche Geschmackseindrücke vermittelt werden. Die Zusammensetzung und damit auch der Geschmack der Muttermilch kann sich abhängig von der Ernährung der Mutter verändern.
Stillen bedeutet deshalb nicht, dass ein Kind automatisch alle Lebensmittel mögen wird, die die Mutter isst. Es ermöglicht aber bereits früh vielfältige Geschmackserfahrungen.
Und auch Kinder, die nicht gestillt werden, entwickeln natürlich ein ganz normales und individuelles Essverhalten. Die Geschmacksentwicklung ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig und nicht von einer einzigen Ernährungsform.
Esskultur prägt, was Kinder als selbstverständlich erleben
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die kulturelle Prägung.
Was wird in einer Familie gegessen?
Wie werden Mahlzeiten gestaltet?
Welche Lebensmittel stehen regelmäßig auf dem Tisch?
Wie wird über Essen gesprochen?
Welche Lebensmittel gelten als „gesund“, „ungesund“, „etwas Besonderes“ oder „verboten“?
Kinder wachsen in einer bestimmten Esskultur auf und übernehmen daraus viele Erfahrungen und Gewohnheiten.
Dabei geht es nicht nur um die Auswahl der Lebensmittel. Auch unser Umgang mit Essen spielt eine Rolle.
Kinder lernen durch Beobachtung
Kinder lernen unglaublich viel durch Imitation.
Sie beobachten ihre Eltern und andere Bezugspersonen und orientieren sich daran, was diese tun.
Wenn Eltern selbstverständlich Gemüse essen, neue Lebensmittel ausprobieren und gemeinsam mit ihrem Kind entspannt am Tisch sitzen, erlebt das Kind diese Verhaltensweisen als normal.
Deshalb ist die Frage
„Was soll mein Kind essen?“
oft gar nicht die einzige entscheidende Frage.
Mindestens genauso wichtig ist:
„Was erlebt mein Kind rund um das Essen?“
Mit zunehmendem Alter gewinnen neben den Eltern auch Geschwister, Freunde und Gleichaltrige an Bedeutung. Besonders in Kindertagesstätten kann deshalb die Gestaltung der Mahlzeiten und die Auswahl der angebotenen Lebensmittel einen wichtigen Beitrag leisten.
Gemeinsame Mahlzeiten schaffen wertvolle Erfahrungen
Gemeinsame Mahlzeiten sind eine wunderbare Möglichkeit, Kindern einen entspannten Umgang mit Essen vorzuleben.
Dabei muss es nicht darum gehen, dass jedes Familienmitglied das Gleiche isst oder der Teller leer gegessen wird.
Viel wichtiger ist die Atmosphäre.
Eine gemeinsame Mahlzeit darf bedeuten:
miteinander am Tisch zu sitzen
unterschiedliche Lebensmittel kennenzulernen
neue Geschmäcker auszuprobieren
miteinander zu sprechen
Hunger und Sättigung wahrzunehmen
Essen ohne Druck und Zwang zu erleben
Wenn es im Familienalltag möglich ist, kann bereits eine gemeinsame Mahlzeit am Tag eine schöne Möglichkeit sein, dieses Vorbild zu schaffen.
Beikost ist mehr als Nahrungsaufnahme
Und genau hier schließt sich der Kreis zur Beikost.
Der Beikoststart bedeutet nicht einfach, dass ein Baby nun möglichst schnell möglichst große Mengen essen soll.
Beikost ist ein Lernprozess.
Ein Baby entdeckt neue Geschmäcker und Konsistenzen. Es lernt, Lebensmittel mit den Händen zu erkunden, Nahrung im Mund zu bewegen, zu kauen und zunehmend selbstständig zu essen.
Dabei ist es völlig normal, dass am Anfang nur kleine Mengen gegessen werden – oder manchmal auch gar nichts.
Beikost ist nicht nur Ernährung. Beikost ist auch Erfahrung.
Druck gehört nicht auf den Teller
Ein wichtiger Bestandteil einer positiven Essentwicklung ist der Umgang mit Hunger und Sättigung.
Kinder müssen nicht lernen, ihren Teller leer zu essen.
Sie dürfen lernen, auf die Signale ihres eigenen Körpers zu achten.
Druck, Zwang oder ständiges Überreden können dagegen dazu führen, dass Essen mit negativen Erfahrungen verbunden wird.
Das bedeutet nicht, dass Eltern einfach alles laufen lassen müssen. Eltern geben den Rahmen vor: Sie entscheiden, was, wann und wo gegessen wird.
Das Kind darf innerhalb dieses Rahmens zunehmend selbst entscheiden, ob und wie viel es davon essen möchte.
Auch Bewegung gehört zur gesunden Entwicklung
Zur Entwicklung eines gesunden Lebensstils gehört neben der Ernährung natürlich auch Bewegung.
Kinder brauchen ausreichend Möglichkeiten, sich zu bewegen, zu spielen und ihre Umwelt aktiv zu entdecken.
Besonders wertvoll sind dabei freie Bewegung und Spiel – möglichst regelmäßig und, wenn es der Alltag erlaubt, auch draußen.
Dabei geht es nicht darum, Bewegung als Mittel zur Gewichtskontrolle einzusetzen.
Kinder dürfen sich bewegen, weil Bewegung ein Grundbedürfnis ist und Freude machen soll.
Die Gewichtsentwicklung hat viele Einflussfaktoren
Auch die spätere Gewichtsentwicklung eines Kindes wird nicht durch einen einzelnen Faktor bestimmt.
Genetische Voraussetzungen, Ernährung, Essumgebung, Schlaf, Bewegung, familiäre Gewohnheiten und viele weitere Faktoren spielen zusammen.
Deshalb wäre es zu kurz gedacht, die Verantwortung für das spätere Gewicht eines Kindes allein bei einem bestimmten Lebensmittel oder einer bestimmten Ernährungsform zu suchen.
Eine ausgewogene Ernährung und ein positiver Umgang mit Essen sind vielmehr Teil eines größeren Ganzen.
Essverhalten entwickelt sich über Jahre
Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb:
Essverhalten entsteht nicht mit dem ersten Brei.
Es entwickelt sich Schritt für Schritt – von den ersten Geschmackserfahrungen während der Schwangerschaft über die Zeit nach der Geburt und den Beikoststart bis hin zu Familienmahlzeiten, Kita, Freunden und der zunehmenden Selbstständigkeit des Kindes.
Als Eltern können wir diese Entwicklung nicht vollständig kontrollieren.
Aber wir können unserem Kind eine Umgebung schaffen, in der es Lebensmittel kennenlernen, unterschiedliche Geschmäcker entdecken und einen entspannten Umgang mit Essen entwickeln darf.
Denn am Ende geht es bei Beikost nicht nur um die Frage:
„Was darf mein Baby essen?“
Sondern auch um die viel größere Frage:
„Welche Erfahrungen möchte ich meinem Kind mit Essen mitgeben?“
Fazit
Die Entwicklung des Essverhaltens beginnt früher, als viele Eltern denken. Sie wird durch biologische Voraussetzungen, frühe Geschmackserfahrungen, die familiäre Esskultur, Vorbilder und die gesamte Lebensumgebung beeinflusst.
Der Beikoststart ist dabei ein wichtiger Meilenstein – aber eben nur ein Teil einer viel längeren Entwicklung.
Beikost darf deshalb vor allem eines sein: eine Zeit des Entdeckens, Lernens und gemeinsamen Erlebens.
